Altersvorsorge

Altersvorsorge mit ETF: vom Welt-Portfolio zur Entnahme

Wie du mit einem breit gestreuten ETF-Depot fürs Alter vorsorgst — vom Aufbau über die Umschichtung bis zur Entnahme.

Die gesetzliche Rente reicht für die wenigsten, um den gewohnten Lebensstandard zu halten — die Lücke zu schließen, bleibt deine Aufgabe.

Lange galt die private Altersvorsorge als undurchsichtiges Feld aus Versicherungsprodukten mit hohen Kosten und schwer vergleichbaren Garantien. Dabei gibt es längst einen Weg, der vergleichsweise simpel, transparent und günstig ist: ein breit gestreutes ETF-Depot als dritte Säule neben gesetzlicher und betrieblicher Rente.

In diesem Beitrag gehen wir den kompletten Lebenszyklus durch — vom Aufbau über die Jahre, über das rechtzeitige Herausnehmen von Risiko, bis zur eigentlichen Entnahme im Ruhestand. Dazwischen kannst du mit einem interaktiven Simulator selbst durchspielen, wie lange ein Depot bei verschiedenen Annahmen trägt.

Die Aufbauphase

Der Aufbau ist der unspektakulärste und zugleich wichtigste Teil. Das Ziel: über Jahrzehnte Anteile an der weltweiten Wirtschaft ansammeln und den Zinseszins für dich arbeiten lassen. Die meiste Arbeit übernimmt dabei die Zeit, nicht das ständige Optimieren.

Das Fundament ist ein breit gestreuter Welt-ETF — etwa auf den MSCI World mit rund 1.400 Unternehmen aus Industrieländern oder den FTSE All-World, der zusätzlich Schwellenländer abdeckt. Mit einem einzigen Produkt bist du in tausende Firmen über alle Branchen und Kontinente investiert. Fällt ein Unternehmen aus, trägt der Rest weiter.

Vier Eigenschaften machen einen ETF zum verlässlichen Vorsorge-Baustein:

  • Thesaurierend: Ausschüttungen werden automatisch reinvestiert. So wächst die Basis, auf der du Rendite erzielst, Jahr für Jahr — ohne dass du etwas tun musst.
  • Niedrige TER: Die jährliche Gesamtkostenquote breiter Welt-ETFs liegt oft bei 0,1 bis 0,2 %. Jeder gesparte Zehntelprozentpunkt landet über Jahrzehnte in deinem Depot statt beim Anbieter.
  • Automatischer Sparplan: Ein fester Betrag pro Monat nimmt dir jede Entscheidung ab und glättet den Einstiegskurs über die Zeit (Cost-Average-Effekt).
  • Langer Horizont: Aktienmärkte schwanken kurzfristig, haben über lange Zeiträume aber zuverlässig zugelegt. Je länger du investiert bleibst, desto kleiner wird das Risiko, am Ende im Minus zu stehen.
Merksatz

In der Aufbauphase ist Langeweile ein gutes Zeichen. Ein Sparplan, den du einfach laufen lässt, schlägt fast jede aktive Strategie.

Rechtzeitig Risiko rausnehmen (Glidepath)

Eine 100-%-Aktienquote ist im Aufbau sinnvoll — kurz vor dem Ruhestand kann sie gefährlich werden. Stell dir vor, die Märkte brechen ein Jahr vor deinem Rentenbeginn um 30 % ein. In der Ansparphase wäre das nur eine Delle auf dem Weg nach oben. Direkt vor der Entnahme triffst du dich dagegen mit einem deutlich kleineren Depot, aus dem du nun leben sollst.

Die Antwort darauf heißt Glidepath: Du senkst die Aktienquote nicht abrupt, sondern über mehrere Jahre vor Rentenbeginn schrittweise ab und baust parallel einen ruhigeren Teil auf.

  • Schrittweise umschichten: Etwa fünf bis zehn Jahre vor dem geplanten Ausstieg beginnst du, neue Sparraten verstärkt in sichere Anlagen zu lenken — oder einen Teil der Aktien planmäßig umzuschichten.
  • Anleihen- und Tagesgeld-Puffer: Ein Polster aus kurzlaufenden Anleihen oder Tagesgeld schwankt kaum. Es deckt die ersten Entnahme-Jahre ab, ohne dass du dafür Aktien zu Tiefstkursen verkaufen musst.
  • Zwei bis drei Jahresentnahmen sicher halten: Als Faustregel hältst du den Bedarf der nächsten Jahre außerhalb des Aktienmarkts. So überbrückst du auch eine längere Schwächephase, ohne ins Depot eingreifen zu müssen.

Der Sinn dahinter ist nicht, mehr Rendite zu holen — im Gegenteil, der ruhigere Teil bremst die erwartete Rendite leicht. Es geht darum, das Sequenzrisiko zu dämpfen: die Gefahr, dass ausgerechnet zu Beginn der Entnahme ein Crash dein Kapital dauerhaft beschädigt. Mehr dazu weiter unten.

Die Entnahmephase & 4-%-Regel

Irgendwann dreht sich die Richtung um: Statt einzuzahlen, lebst du vom Depot. Die zentrale Frage lautet dann, wie viel du jährlich entnehmen kannst, ohne dein Kapital zu früh aufzuzehren.

Eine bekannte Orientierung ist die 4-%-Regel. Sie besagt: Wer im ersten Ruhestandsjahr 4 % seines Startkapitals entnimmt und diesen Betrag danach nur an die Inflation anpasst, kommt historisch über rund 30 Jahre meist gut hin. Aus 500.000 € Startkapital wären das 20.000 € im ersten Jahr — also etwa 1.667 € pro Monat.

Die Regel ist ein nützlicher Ausgangspunkt, aber kein Naturgesetz. Du solltest ihre Grenzen kennen:

  • Sie stammt aus US-Daten einer bestimmten Marktphase und mit konkreten Aktien-/Anleihen-Mischungen. Andere Länder, Zeiträume und Steuerregeln können das Bild verschieben.
  • Sie ignoriert deine persönliche Lage: Wie lange das Geld reichen muss, ob du eine zusätzliche Rente beziehst und wie flexibel deine Ausgaben sind, ändert alles.
  • Starr angewandt kann sie teuer werden: Wer auch in einem heftigen Crash-Jahr stur den vollen Betrag entnimmt, beschleunigt den Kapitalverzehr erheblich.

Deutlich robuster ist eine flexible Entnahme: In starken Jahren entnimmst du wie geplant, in schwachen Jahren kürzt du die diskretionären Ausgaben etwas. Schon kleine Anpassungen in den ersten kritischen Jahren verlängern die Reichweite deines Depots spürbar — wie genau, siehst du gleich im Simulator.

Wie lange reicht dein Depot?

Genug Theorie — probier es selbst aus. Verschiebe Startkapital, monatliche Entnahme und erwartete Rendite und beobachte, wie lange dein Depot trägt. Schon kleine Änderungen an Entnahme oder Rendite verschieben das Ergebnis erstaunlich stark.

Interaktiv · selbst ausprobieren
Wie lange reicht dein Depot?
reicht ca. …
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Vereinfachtes Modell mit konstanter Rendite, vor Steuern/Inflation. Reale Märkte schwanken — keine Garantie.

Das Sequenzrisiko

Im Simulator rechnet jedes Jahr mit derselben Rendite. Die Realität ist unordentlicher — und genau hier lauert die größte Gefahr der Entnahmephase: das Sequenzrisiko, also die Reihenfolge der Renditen.

Der Kern: Zwei Depots können über 30 Jahre exakt dieselbe Durchschnittsrendite erzielen und trotzdem völlig unterschiedlich enden — je nachdem, wann die schlechten Jahre kommen. Solange du sparst, sind frühe Verluste sogar willkommen, weil du günstig nachkaufst. In der Entnahme dreht sich das um.

Treffen dich schwache Jahre direkt zu Beginn, verkaufst du Anteile zu niedrigen Kursen, um deine Entnahme zu decken. Dieses Kapital fehlt dann unwiederbringlich, wenn die Erholung kommt — die Basis ist zu klein, um vom Aufschwung noch zu profitieren. Kommen die schlechten Jahre dagegen erst spät, hat das Depot bereits einen Puffer aufgebaut und steckt sie weg.

Nicht die Höhe der Verluste entscheidet über deinen Ruhestand — sondern ihr Zeitpunkt.

Du kannst das Risiko nicht abschaffen, aber wirksam dämpfen — mit genau den Werkzeugen aus den vorigen Abschnitten:

  • Puffer aus dem Glidepath: Zwei bis drei Jahresentnahmen in Tagesgeld oder kurzlaufenden Anleihen überbrücken eine frühe Schwächephase, ohne dass du Aktien zu Tiefstkursen verkaufst.
  • Flexibilität: In schwachen Jahren die Entnahme etwas kürzen schont die Substanz dann, wenn es am meisten zählt — in den ersten kritischen Ruhestandsjahren.
  • Realistische Entnahmequote: Lieber konservativ starten und später erhöhen, als von Beginn an zu viel zu entnehmen.

Wo stehst du gerade?

Ob Aufbau, Umschichtung oder Entnahme — der richtige nächste Schritt hängt davon ab, wo du heute stehst. Der kostenlose Selbsttest gibt dir in wenigen Minuten eine ehrliche Einordnung:

Fazit

Altersvorsorge mit ETF ist kein Geheimrezept, sondern ein durchgängiger Plan: In der Aufbauphase sparst du konsequent in einen breit gestreuten, thesaurierenden Welt-ETF mit niedrigen Kosten. Einige Jahre vor dem Ruhestand nimmst du über einen Glidepath schrittweise Risiko heraus und legst dir einen Puffer zurecht. In der Entnahmephase orientierst du dich an der 4-%-Regel, bleibst dabei aber flexibel — gerade in schwachen Jahren.

Wer diese drei Phasen versteht, braucht keine teuren Garantieprodukte, um fürs Alter vorzusorgen. Das Wichtigste ist, früh anzufangen, dranzubleiben und am Ende nicht in Panik zu verkaufen.

JK
Jonas Keller
Anlagestratege · InvestPlan
Entwickelt seit über einem Jahrzehnt regelbasierte Anlage- und Entnahmestrategien für Privatanleger und übersetzt sie in nachvollziehbare, alltagstaugliche Pläne.
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